Blanko OB-Reden “Fastenpredigt” (Nachschrift nach weitgehend freier Rede)

Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig Oberbürgermeister der Stadt Koblenz

St. Kastor Basilika, Koblenz 13. März 2013, 18 Uhr

„Gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt,
gestorben und begraben,
hinab gestiegen in das Reich der Toten.“

Jesus Christus wurde gefoltert. Warum eigentlich? Ein Geständnis  galt es nicht zu erzwingen. Er hat stets in aller Öffentlichkeit für seine Überzeugungen gestanden. Alles war bekannt. Er sollte gedemütigt werden. Er wurde zu mächtig. Weltlich wurde er den Römern zu mächtig, die ihn angesichts seiner Popularität als „Nebenkönig“ fürchteten. Religiös wurde er den Juden zu mächtig, weil sie um ihr religiöses Alleinstellungsmerkmal fürchteten.

So schickten sie ihn von Pontius Pilatus zu Herodes und wieder zurück. Um seinen Tod zu beschließen. Aber ihre Hände in Unschuld zu waschen.

Jesus Christus hat sein Schicksal schon beim Abendmahl kommen sehen. Er hat sogar den Verrat seines Jüngers Judas verziehen. Er ist dennoch nicht geflohen. Aber er hat an Gott gezweifelt, weil er eben auch nur ein Mensch war: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, fragt er in der Stunde der Not. Alles andere wäre übermenschlich.

Er wurde einem barbarischen Tod ausgesetzt. Typisch für die Zeit, typisch für die Römer: Der grausam langsame Tod am Kreuz. Er ist am Ende für ein besseres Leben gestorben, begraben und „hinab gestiegen in das Reich der Toten“.

Die Überlieferung von der „Wiederauferstehung“ ist nicht mein Thema des heutigen Tages. An eine physische Wiederauferstehung kann ich nicht glauben. Ich brauche auch nicht daran zu glauben, um Christ zu sein. Denn für mich ist Jesus Christus nie gestorben. Jesus lebt, Gott sei dank. Jesus lebt in unseren Herzen, in unseren Köpfen, in unseren Seelen. Jesus lebt damals wie heute, immer. Er ist niemals weg gestiegen.

Gegenüber dem Wahnsinn damals, der Verfolgung, der Folter, dem barbarischen Tod von Jesus Christus gibt es eine klare christliche Gegenbotschaft: Die Nächstenliebe.
Ich finde sie im biblischen Tagesspruch von Jakobus (2:8):
„Ja doch,
wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift,
du sollst lieben deinen Nächsten,
wie dich selbst,
so thut ihr recht.“

Die Nächstenliebe ist ein wunderbarer Leitstern christlichen Lebens. Er gibt unserem Leben Sinn und Erfüllung. Er ist eine humanitäre Antwort auf die politische Verfolgung und religiösem Fundamentalismus.

Der Wahnsinn der Verfolgung aus religiösen Motiven hat sich in den letzten zwei Jahrtausenden seit dem physischen Tod von Jesus Christus leider mehrfach wiederholt. Leider – im Mittelalter – auch im Namen von Jesus Christus. Man denke an die hasserfüllten Kreuzzüge. Man denke an Folter durch die klerikale Inquisition. Man denke auch an die Zangsmissionierung ganzer Völker. Da ist im Namen von Jesus Christus Unrecht geschehen, schlimmes Unrecht, Barbarei. Das alles darf nicht verschwiegen, erst nicht geleugnet werden.

Der Wahnsinn der Verfolgung und des Massenmordes hat seine dunkelste Erfüllung im III. Reich erlebt. Man denke an den Holocaust an Juden, deren systematische Vernichtung. Man denke an die Verfolgung und Ausrottung von Sinti und Roma. Beides hat stattgefunden in ganz Deutschland. Koblenz macht da keine Ausnahme. Ein dunkles Kapitel unserer Geschichte.

So wie die Nächstenliebe die christliche Antwort auf den Wahnsinn der Religionsverfolgung ist, so haben wir in Deutschland eine faszinierende weltliche Antwort auf den Wahnsinn der Verfolgung und rassistischen Mord: Das Diskriminierungsverbot in Artikel drei unserer Verfassung (ich zitiere in Auszügen):
„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
Männer und Frauen sind gleichberechtigt.
Niemand darf wegen seines Geschlechtes,
seiner Abstammung,
seiner Rasse,
seiner Sprache,
seiner Heimat und Herkunft,
seines Glaubens,
seiner religiösen oder politischen Anschauungen
benachteiligt oder bevorzugt werden.
Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Das Diskriminierungsverbot in Artikel drei unserer Verfassung ist eine wunderbar formulierte Antwort auf den Wahnsinn der Verfolgung im III. Reich.

Auch für uns in Koblenz ist das ein wichtiges Thema. Wir haben heute einen Migrantenanteil von 26 Prozent. Jeder vierte Mitbürger/-in in Koblenz hat einen Migrationshintergrund. Unter uns leben nicht nur viele Christen unterschiedlicher Ausprägung. Unter uns leben auch viele Juden und viele Muslime.

Je älter ich werde, desto stärker kommt mir als Christ in den Sinn:

Wichtig ist nicht zu welchem Gott wir beten.

Wichtig ist die Nächstenliebe, wenn wir es christlich sagen wollen.
„Du sollst lieben deinen Nächsten, wie Dich selbst!“

Wichtig ist das Bekenntnis zum Programmsatz des Diskriminierungsverbotes des Artikels drei unserer Verfassung, wenn wir es weltlich formulieren wollen.

Wer die Nächstenliebe oder das Diskriminierungsverbot zum Leitstern seines Lebens macht, mit dem können wir friedlich leben. Egal, ob er betet und egal zu wem.

Unsere Kinder fragen uns gelegentlich: „Warum sollen wir uns heute bald 70 Jahre nach dem Krieg immer noch mit dem Schrecken von Nazi-Deutschland beschäftigen?“ Und fügen selbstbewusst hinzu: „Wir sind doch Nachkriegskinder!“ Die Antwort auf diese Frage ist ganz einfach: „Damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Nie wieder Verfolgung und Mord aus Rassenwahn oder Religionswahn. Nicht in Koblenz, nicht in Deutschland, nicht in der Welt!“

So, wie wir uns heute noch mit dem Tode Jesus Christus beschäftigen, zwei tausend Jahre danach, so dürfen wir auch unsere Zeitgeschichte nicht verdrängen.

Wir können stolz darauf sein, dass wir in Koblenz eine intensive Gedenkarbeitskultur haben. Sie zeigt auch eins: Jesus lebt! In unseren Herzen und Köpfen. Er hat gelitten unter Pontius Pilatus, wurde gekreuzigt, ist gestorben und begraben, er mag hinab gestiegen sein in das Reich der Toten.
Jesus lebt aber fort in unserem Kopf, im Herzen und in der Seele. Gott sei dank!

 

 

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